Familien prägen Wiens Landwirtschaft

Familienbetriebe sind flexibler und denken langfristiger

Nicht viele haben das Glück, ihren Stammbaum weit über hundert Jahre zurückverfolgen zu können. Noch weniger Menschen wissen genau, an welchem Ort sich ihre Familiengeschichte abgespielt hat. Bei Familienbetrieben in der Landwirtschaft ist das dagegen normal. Die meisten Wiener Landwirte erzählen stolz, in der wievielten Generation sie den Betrieb bewirtschaften. Viele Gemüsebetriebe in Simmering oder Donaustadt wurden mit dem Wachstum der Stadt im 19. und frühen 20. Jahrhundert gegründet. Die Weinbaubetriebe im 19. Bezirk haben dagegen oft eine Geschichte, die noch weiter zurückreicht.

Seit 1787 betreibt die Familie Kierlinger in Nussdorf Landwirtschaft und Heurigen. Matthias Kierlinger, der heutige Chef, ist die siebente Generation und hat den Betrieb vor zwei Jahren von seinem Vater übernommen. Lange Zeit werkte man als gemischter Betrieb, in dem neben Wein auch Getreide angebaut und Tiere gezüchtet wurden. Erst in den 1950er-Jahren spezialisierte sich der Großvater auf Weinbau.

„Wir sind eine relativ große Familie“, beschreibt der 42-jährige Kierlinger seinen Betrieb, „in meiner Generation sind wir fünf Geschwister, dazu haben wir Cousinen, die mithelfen. Die Eltern sind unverzichtbar und sogar mein 104-jähriger Opa macht noch den einen oder anderen Handgriff.“ Zentrum des Familienbetriebs Kierlinger ist der gemeinsame Mittagstisch, bei dem meistens zwischen zehn und zwölf Leuten miteinander essen: „Da wird über Großes und Kleines diskutiert, da reden wir über das Wetter und wie wir bewirtschaften. Das Diskutieren, miteinander reden, das gemeinsame Planen ist wichtig für einen Familienbetrieb.“

Das Heurigenlokal der Familie Kierlinger
Das Heurigenlokal wird von der Familie Kierlinger mittlerweile in der 7. Generation betrieben.

Was Familienbetriebe noch ausmacht, ist die besondere Flexibilität der Mitarbeiter: „Wenn es beim Heurigen plötzlich einen Ansturm gibt, läutet man rauf und jemand kommt und hilft beim Geschirr abwaschen. Müsste man da jemanden extra engagieren, wäre das fast unbezahlbar“, skizziert Kierlinger das Personalwesen einer Buschenschank. Natürlich würden sich normale Mitarbeiter auch stark für einen Betrieb einsetzen, aber die Familienbande sei eben noch stärker.

Der Preis der Flexibilität ist ein fließender Übergang zwischen Arbeit und Privat. Oder, wie es wahrscheinlich die meisten Landwirte formulieren würden: Alles wird eins. „Man ist Tag und Nacht beisammen“, beschreibt Matthias Kierlinger die Herausforderung, „also nimmt man viele Sachen mit bis ins Wohnzimmer.“ Bei ihm war trotzdem schon früh klar, dass er einmal den Betrieb führen wird. In einem Zeitungsinterview gab der damals Fünfjährige selbstbewusst bekannt, später den Betrieb übernehmen zu wollen. Der Übergang von einer Generation an die nächste gestaltete sich fließend, Kierlinger arbeitet schon seit über 20 Jahren hauptberuflich im Betrieb mit.

Das Wechselspiel zwischen den Generationen macht Familienbetriebe krisenresistent und anpassungsfähig. Die Jungen wollen Dinge anders machen, versuchen sich an Neuem und werden dabei idealerweise von der älteren Generation wohlwollend und konstruktiv gebremst.

Bei der Gärtnerei Gaderer in Essling beginnt die jüngere Generation gerade, den Familienbetrieb umzukrempeln. Thomas und seine Freundin Jacqueline sind noch – und auf absehbare Zeit – die Junior-Chefs.

Jacqueline Gaderer
Jacqueline Gaderer, Junior-Chefin der Gärtnerei Gaderer in Essling.

Seit den 1960er-Jahren war die Gärtnerei für Tulpen, Narzissen oder Chrysanthemen bekannt. Da sich die Zierpflanzen durch starke Konkurrenz aus dem Ausland immer weniger rentieren, hat man vor zwei Jahren wieder mit dem Gemüseanbau begonnen: „Ganz old school“, sagt Thomas, „in der Erde gewachsen, mit Nützlingen gepflegt, ab Hof verkauft.“ Der Betrieb setzt biologische Mittel ein, ist aber vorerst nicht bio-zertifiziert. Alfred Gaderer lässt die Jungen Dinge ausprobieren: „Jede neue Generation macht etwas anders, und trotzdem behält sie die Tradition von unserem Familienbetrieb bei.“