Unser täglich Brot von Bauern aus Wien

Städtische Ackerbauern sorgen auch für ein gutes Klima und eine gepflegte Kulturlandschaft.

Während sich weltweit Forscher Gedanken darüber machen, wie sie Landwirtschaft in die Städte bringen können, um die Zukunft der Großstädter "grüner" zu machen und die Umwelt gesund und Projekte wie "Urban Farming" auf Dächern und in Parks umgesetzt werden, hat Wien den Vorteil, dass es bereits seit vielen Jahrzehnten eine funktionierende Stadtlandwirtschaft besitzt. Weitläufige Felder sind Rückzugsgebiete für Flora und Fauna sowie leicht zu erreichende Naherholungszonen für gestresste Städter und in den Zentren des Ackerbaus in Oberlaa, Süßenbrunn, Breitenlee und Stammerdorf wird das bäuerliche Brauchtum hochgehalten. Doch die Wiener Ackerbauern haben weit mehr wichtige Aufgaben zu bewältigen.

Diese bewirtschaften mit 4.405 ha den Hauptteil der fast 6.000 ha großen Agrarfläche in der Bundeshauptstadt und kultivieren dabei nicht nur Rüben für die Raffination von Zucker, sondern auch Weich- (fast 4.000 t pro Jahr) und Hartweizen (208 t) für die Brot- und Backwarenerzeugung, Raps für die Speiseöl- und Biodieselherstellung, Hartweizen und Dinkel als Rohstoff für die Nahrungsmittel- und Speisewarenindustrie, Sommergerste die der Bierherstellung dient sowie Körnermais als Futtermittel beziehungsweise für die Bioethanolerzeugung, als dessen Nebenprodukt ein Eiweißergänzungsmittel anfällt, dass in der Milchviehfütterung zum Einsatz kommt. Die rund 130 Wiener Ackerbaubetriebe decken damit, neben den Gemüsegärtnern und den Winzern, einen breitgefächerten Bedarf der Stadtbevölkerung mit regional erzeugten, wertvollen und erschwinglichen Lebensmitteln.

Damit stellen sie aber nicht nur die erforderlichen Rohstoffe für zahlreiche essenzielle Nahrungsmittel zur Verfügung, Umwelt und Klima sind den Ackerbauern ein ebenso wichtiges Anliegen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass dieser bäuerliche Produktionszweig die höchste Dichte an Biobetrieben hat, auch die Teilnahme an Maßnahmen des Österreichischen Umweltprogramms zum Schutz von Boden, Wasser und Biodiversität ist hier besonders hoch. Darüber hinaus wird selbstverständlich Gentechnikfrei produziert. So wie bei Rudolf Elnrieder, der mit seinem jüngeren Bruder Johannes in 3. Generation in Oberlaa etwa 130 ha Ackerland bewirtschaftet und darauf neben verschiedenen Getreidesorten auch Zuckerrüben und Gemüse erzeugt. Er sieht die größte Herausforderung in Stadtrandlage Landwirt zu sein darin, "vom Hof auf unsere Felder zu kommen, denn das Wiener Straßennetz ist nicht für unsere landwirtschaftlichen Maschinen ausgerichtet", nimmt er es trotzdem mit Humor.

Wolfgang Bartmann, Ackerbauer in Essling, der auf mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung zurückblickt, weiß hingegen auch über aufeinanderprallende Interessen zwischen der Bevölkerung und den bäuerlichen Bewirtschaftern zu berichten. "Regionale Lebensmittel sind sehr gefragt, jedoch sollen sie nicht vor der eigenen Haustür erzeugt werden - Lärm und Staub will keiner haben", wünscht sich der passionierte Landwirt mehr Rücksichtnahme, Aufgeschlossenheit und Respekt vor fremdem Eigentum. Bartmann kultiviert auf rund 40 ha hauptsächlich Getreidesorten für die Vermahlung, als Tierfutter sowie für die Bierproduktion und seit heuer auch den wichtigen Eiweißlieferanten Soja. In die Zukunft blickt er wenig optimistisch, denn in der eigenen Familie hat noch kein Kind Interesse daran gezeigt, irgendwann den Betrieb zu übernehmen.

Sie "ackern" für die grüne Lunge Wiens

Vom einzigartigen Phänomen 'Stadtlandwirtschaft" profitiert die Bevölkerung aber nicht nur durch die gesicherte Versorgung mit Qualitätslebensmitteln, sondern ebenso durch sauberes Wasser, frische Luft und einen gepflegten Erholungsraum - Grünzonen, wie sie jedes Wochenende von zigtausenden Städtern zur Entspannung aufgesucht werden, denn etwa 40% der in Wien bewirtschafteten Landwirtschaftsfläche sind Teil des Grüngürtels, der wesentlich zur Lebensqualität beiträgt. Seine aktive Bewirtschaftung verhindert nicht nur die Verwilderung sondern ist maßgeblich für den Natur- und Artenschutz. Sie hat aber auch noch einen weiteren Effekt - nämlich die 100%ige Umkehrung des Klimabelastenden Verbrennungsprozesses. "Das bedeutet, durch das bloße Pflanzenwachstum werden pro Hektar landwirtschaftlicher Anbaukultur im Schnitt 20 Tonnen Kohlendioxyd pro Jahr gebunden und gleichzeitig 10.000 m3 Sauerstoff produziert. Umgerechnet auf die 6.000 ha agrarisch genutzter Gesamtfläche Wiens macht das 120.000 t gebundenes CO2 sowie 60 Mio. m3 freigesetzten Sauerstoff. Ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Klimawandel", erläutert Franz Windisch, Präsident der Landwirtschaftskammer und selbst Ackerbauer.

Der Ackerbau in Wien ist auch eng verbunden mit dem Begriff der Nachhaltigkeit - also der Schonung von Ressourcen und Umwelt -, "damit wir auch noch in vielen Jahrzehnten die Grundvoraussetzungen für Bewirtschaftung und Lebensmittelerzeugung haben", betont Windisch.

Nach getaner Arbeit dankbar für die Ernte sein  

Die Bandbreite des Porte­feuilles der Wiener Ackerbauern wird einmal im Jahr besonders deutlich, nämlich beim Erntedankfest Anfang September auf dem Heldenplatz, wo sich immer mehr als 300.000 Besucher einfinden, um mit den Bauern die eingebrachte Ernte zu feiern. Wunderschön verpackt in bäuerliche Traditionen, wird der Bevölkerung dabei das Leben und Arbeiten auf einem landwirtschaftlichen Betrieb vermittelt, der Stellenwert regional erzeugter Lebensmittel und die Bedeutung einer funktionierenden Landwirtschaft für die Region aufgezeigt.