Die süße Vielfalt der Stadt

„Honig ist der Geschmack der Landschaft“

Stadtlandwirtschaft muss nicht immer am Stadtrand daheim sein: Wiener Honig entsteht auch mitten in der Stadt. Die Dächer Wiens bilden einen idealen Lebensraum für Bienen. Sie erzeugen Honig, der in seiner Vielfalt und Reinheit kaum zu überbieten ist.

Dietmar Niessner

Nichts bestimmt die Beschaffenheit des Honigs so sehr wie das Blütenangebot: „Honig ist der Geschmack der Landschaft. Je bunter und vielfältiger sie ist, umso spannender ist der Honig“, beschreibt Bio-Imker Dietmar Niessner das Resultat seine Arbeit. Er hat seine ersten Bienenstöcke im Wiener Stadtgebiet bereits in den frühen 1990er Jahren errichtet und ist Gründer der „Bioimkerei & Bioschule“. Er hält Honig aus Wien für einen der spannendsten.

Es mag vordergründig nach einem Widerspruch klingen, doch vor allem im städtischen Raum herrschen beste Bedingungen für besondere Bienenprodukte. Wien hat in botanischer Hinsicht große Vielfalt zu bieten: „Nicht nur die Parks und Gebiete wie der Prater spielen eine Rolle. Auch die unzähligen begrünten Dächer sorgen für ein enormes Angebot.“ Deshalb sei der Geschmack des Honigs von Grätzl zu Grätzl unterschiedlich, erklärt Niessner: „Die Bienen fliegen in einem Umkreis von circa drei Kilometer. Was sich dort an Blüten befindet, bestimmt Farbe und Geschmack des Honigs.“

Bienenstöcke am Dach des Hotels Daniel

Eines der Honigprodukte Niessners nennt sich daher „Strawanzer vom Nibelungenviertel“ – benannt nach dem Grätzl hinter der Stadthalle im 15. Bezirk. Für die Blütenvielfalt sorgen an diesem Standort die Kleingärten auf der Schmelz und die zahlreichen Alleebäume. Einer seiner bemerkenswertesten Standorte ist das Dach des Hotel Daniels, in dessen unmittelbarer Nähe der botanische Garten liegt – ein Schlaraffenland für Bienen, dessen exotische Blüten die Grundlage für einen einzigarten Honig bilden.

Mit der unmittelbaren Wirkung des Blütenangebots auf die Eigenschaften des gewonnenen Honigs hat sich Niessner, der an der Wiener Universität für Bodenkultur Landwirtschaft studiert hat, sehr eingehend beschäftigt. Mitunter erzählt sein Honig sogar die Geschichte der Stadt: „Vereinzelt erhalten gebliebene Maulbeerbäume, die zur Zeit Maria Theresias für die Seidenproduktion in Wien gepflanzt wurden, sind im Honig nachweisbar.“ In geschmacklicher Hinsicht teilt Niessner den Honig aus Wien in zwei Saisonen ein: „Der Honig vor der Lindenblüte und nach der Lindenblüte. Es gibt in Wien sehr viele Linden. Sie wirkt sich auf den Geschmack dominanter aus als andere Bäume.“

Gernot Gangl von der Bio-Honigschmiede

Doch nicht nur die Vielfalt macht den Honig aus der Stadt zu einem hochwertigen und besonderen Produkt, wie Gernot Gangl von Gangls Bio-Honigschmiede erklärt, der sich vor zehn Jahren als Imker in der Donaustadt selbständig gemacht hat: „In städtischen Gebieten ist es sehr unwahrscheinlich, dass Pflanzenschutzmittel aus der Landwirtschaft im Honig landen.“ Zudem sei der ländliche Raum zunehmend von Monokulturen geprägt, erklärt Gangl. Eine einseitige Bodenbewirtschaftung verkürzt die lokale Blühperiode und verknappt damit das Futterangebot für die Bienen vor allem in den Herbst hinein. Bei einem breiten Blütenangebot wie in der Stadt ersparen sich die Imker ein zusätzliches Füttern der Tiere.

Derzeit kümmert sich Gangl über das gesamte Stadtgebiet verteilt um rund 150 Bienenvölker. Sowohl in innerstädtischen Lagen wie in unmittelbarer Nähe zum Stadtpark als auch am Stadtrand hat Gangl seine Bienenstöcke positioniert. Auch hier schätzt er die generell große Abwechslung hinsichtlich der Nahrung für die Bienen. Besonders interessant sind für ihn dort die stadtnahen Sonnenblumenfelder. „Bei gewissen Krankheitsbildern fliegen Bienen bewusst Sonnenblumenblüten an. Die Tiere wissen genau, was ihrer Gesundheit gut tut.“